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Die bipolare Stadt. Zwischen Hackeschem Markt und Kranzler Eck 1991 – 2002

Karl-Ludwig Lange. Der Photograph in seiner Zeit. Berliner Jahre 1973 – 2004
10-teilige Ausstellungsreihe der Kommunalen Galerien in Berlin und der Berliner Regionalmuseen im Rahmen des 6. Europäischen Monats der Fotografie Berlin

Ausstellung
vom 26. Oktober 2014 bis 11. Januar 2015
Eröffnung
am Sonntag, 26. Oktober 2014 | 12 Uhr

Karl-Ludwig Lange ist ein Stadtphotograph, der sich auf höchstem Niveau der systematischen künstlerischen Dokumentation seiner Wahlheimat Berlin widmet. Das Ausstellungsprojekt „Der Photograph in seiner Zeit. Berliner Jahre 1973-2004“ gibt erstmals einen Überblick über sein Gesamtwerk. Nie zuvor hat es eine vergleichbare Schau von über eintausend Handabzügen aus der Dunkelkammer des Photographen gegeben. Mit 25 Kapiteln verteilt auf zehn Ausstellungen kommt sie einer dezentral angelegten Werkschau gleich - eine längst überfällige Würdigung des großen Photographen. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit der Kommunalen Galerien in Berlin und der Berliner Regionalmuseen verwirklicht.

Visualisierte Stadtgeschichte
Mit den zehn Ausstellungen blättert der Photograph die wichtigen Kapitel seines imaginären Berliner Geschichtsbuchs auf. Er exemplifiziert die Stadtentwicklung Berlins für den Zeitraum von der Ära Friedrichs des Großen bis zur Nachwendezeit anhand ihrer urbanistischen Metamorphosen. Architektur ist für Lange niemals Selbstzweck sondern Anlass, die Wirkung von Gebäuden im Straßen- und Stadtgefüge zu untersuchen. Er gibt Berlin als eine Stadt wieder, die sich aus einer Vielzahl unterschiedlicher Bautypen und Baustile, Brachen und Verkehrsschneisen zusammensetzt. Deutlich sind diese Brüche in Langes Stadtansichten zu erspüren. Sein Thema ist die Melange der unterschiedlichen Erscheinungsweisen der Stadt und ihrer urbanen Konzepte – einer Großstadt, die sich aus kleinstädtischen, wenn nicht dorfähnlichen Kiezen gebildet hat, und zu der die Industrialisierung ebenso wie das Freizeitvergnügen gehören, Mietskasernen ebenso wie Tümpel. Als Situationsphotograph zeigt Lange die Stadt als Lebensraum. Sein Werk entspricht einer visualisierten Stadtgeschichte.

Bildfolgen
Das Werk des Photographen Karl-Ludwig Lange erschließt sich weniger über Einzelbilder als über Bildfolgen - mal rasant und gradlinig erzählt, mal sprunghaft oder mäandernd. Seine Bildkonzepte variieren. Er nähert sich den Bildgegenständen teils spontan, teils nach ausführlicher vorheriger Recherche – unabhängig davon, ob es sich um Gebäude oder Brachflächen handelt, um Ausflugslokale oder Friedhöfe. Je nach Aufnahmeort und Situation wählt er einen anderen Ansatz – und eine andere Kamera. Gelegentlich nimmt er ein Shift-Objektiv zur Hand, um die optische Achse der Kamera zu verschieben. Dabei entsprechen die Abzüge stets dem ganzen Negativ. Das endgültige Bild ist bereits während des Auslösens der analogen Kamera entstanden. Die Betrachter begleiten Lange durch Haupt- und Nebenstraßen, bleiben mit ihm vor großen, repräsentativen Bauten stehen und vor abbruchwürdigen Garagen. Alles an dieser Stadt ist vor seiner Kamera gleichberechtigt.

„Berlin ist ganz anders als Ihr denkt!“
Jede der zehn Ausstellungen der Reihe „Der Photograph in seiner Zeit“ verweist bewusst auf die Topografie eines anderen Ortsteils oder anderen Bezirks als auf den, in dem die Ausstellung zu sehen ist. Lange bringt damit seine individuelle Lesart der Stadtentwicklung Berlins zum Ausdruck. Auf die bekannten, touristisch erschlossenen Areale verzichtet er gänzlich. Er konfrontiert die Betrachter mit etwas Ungeheuerlichem, denn er ruft ihnen gleichsam zu: „Berlin ist ganz anders als Ihr denkt!“ – und anders als vom Hauptstadtmarketing besungen. Berlin ist ein eigenwilliger, ruppiger und spannender Ort, und er ist bis heute geprägt von einer tiefen Melancholie. Es sind die großen Entwicklungslinien, die den Photographen interessieren. Lange macht sich die Realität zum Verbündeten, Inszenierung braucht er nicht. Das Werk des Photographen Karl-Ludwig Lange entstand im eigenen Auftrag über fünf Jahrzehnte hinweg. Sein Bildkosmos erschließt sich erst durch den Besuch aller Ausstellungen des zehnteiligen Projekts „Der Photograph in seiner Zeit“.

Die bipolare Stadt. Zwischen Hackeschem Markt und Kranzler Eck 1991 – 2002
Den Westen und den Osten Berlins nach der Wiedervereinigung veranschaulicht Karl-Ludwig Lange mit zwei bekannten und von Touristen besuchten Orten: Als er sich 1991 den Hackeschen Markt für eine Langzeitstudie auswählte, waren die späteren Investoren dort noch nicht unterwegs. Der heutige Blick auf die inzwischen historischen Aufnahmen macht die Entwicklung von einer Einöde zum „Welthauptstadttreffpunkt“ evident. Die Straßenphotographien zeigen zahlreiche Passanten, auf den späteren Aufnahmen immer mehr Baugerüste und Kräne.
Urbane Situationsbilder ganz anderer Art begegnen uns im zweiten Teil der Ausstellung: Hier sehen wir einem Radfahrer zu, wie er an der Kreuzung Kurfürstendamm, Ecke Joachimsthaler Straße – dem sogenannten Kranzler-Eck – einen Gegenstand verliert, es bemerkt, wendet, im fließenden Verkehr diesen aufhebt und schließlich weiterradelt.

Der Photograph
Karl-Ludwig Lange wurde 1949 in Minden / Westfalen geboren. 1967 zog er, siebzehnjährig, in das geteilte Berlin. Als jungen Mann interessierte ihn, wie eine vom Umland abgeschlossene Großstadt funktionieren kann. In Berlin wurde er von Günter Horn in allen photographischen Techniken und Verwendungsweisen ausgebildet. Zumeist mit der Leica unterwegs und ausgerüstet mit Weitwinkelobjektiven, volontierte er bei der Deutschen Presse Agentur. 1973 wagte er den Schritt aus der kommerziellen Photographie in die künstlerische Selbständigkeit. Er begann mit seiner eigenen, freien Arbeit, in der er unter anderem die Entwicklung urbaner Strukturen nachzeichnet. Den journalistischen Ansatz verwandelt er immer wieder ins Essayistische. Macht und Brisanz entwickeln die autonomen Bilder in der Reihung.
1983 wurde Lange als einer der ersten Photographen mit dem Arbeitsstipendium des Berliner Kultursenats ausgezeichnet. Die Liste seiner Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen seit 1975 beeindruckt. Zahlreiche seiner Aufnahmen wurden in Buchpublikationen und Zeitschriften veröffentlicht. Karl-Ludwig Lange ist mit seinen Arbeiten u.a. in der Sammlung der Berlinischen Galerie Berlin, des Deutschen Historischen Museums, der Stiftung Stadtmuseum Berlin und des Hauses der Geschichte vertreten.

Ein Ausstellungsprojekt der Kommunalen Galerien in Berlin und der Berliner Regionalmuseen im Rahmen des 6. Europäischen Monats der Fotografie Berlin

Rahmenprogramm

Samtag, 15. November, 10-17 Uhr
Lange LANGE Bustour - moderierte Rundtour zu den Ausstellungsorten (8 €) Treffpunkt: 10 Uhr alte feuerwache, Voranmeldung und nähere Informationen unter 293 47 94 26, ab 17 Uhr Finissage in der alten feuerwache >projektraum.



Karl-Ludwig Lange | Der Photograph
von Benjamin Ochse


Karl-Ludwig Lange, Kranzler Eck 1994, Silbergelatinepapier, 24 x 30 cm
© Karl-Ludwig Lange

Karl-Ludwig Lange, Kranzler Eck 1994, Silbergelatinepapier, 24 x 30 cm
© Karl-Ludwig Lange

Karl-Ludwig Lange, Rosenthaler Straße – Neue Schönhauser Straße 1992, Silbergelatinepapier, 24 x 30 cm
© Karl-Ludwig Lange

Karl-Ludwig Lange, Hackescher Markt 1995, Silbergelatinepapier, 24 x 30 cm
© Karl-Ludwig Lange

Karl-Ludwig Lange, Rosenthaler Straße 1996, Silbergelatinepapier, 24 x 30 cm
© Karl-Ludwig Lange